• Lou

    Hallo ihr Lieben,
    ich hatte gestern einen sehr spannenden Prokrastinations Recherche-Tag und wollte das hier mit euch teilen. :sunflower:

    3-Akt-Struktur

    Als Schreibprofis seid ihr natürlich alle mit den unterschiedlichsten Plotstrukturen vertraut: Sieben-Punkte-System, Blake Snyders Save-the-Cat-Beat-Sheet, Heldenreise etc. pp.
    Die meisten davon sind mehr oder weniger detaillierte Ausgestaltungen eines zugrunde liegenden 3-Akt-Schemas:

    1. Akt: Exposition: Vorstellung Setting, Charaktere, Einführung des Konflikts
    2. Akt: Konfrontation: Auseinandersetzung mit dem Konflikt
    3. Akt: Resolution: Auflösung des Konflikts

    Dabei ist der 2. Akt ungefähr doppelt so lang wie jeweils der 1. und 3. Akt, sodass man den 2. Akt am Mittelpunkt in zwei Teile teilen und so eine 4-Akt-Struktur draus machen könnte, aber das nur am Rande.

    Ich habe das Schema mal so vereinfacht wie möglich dargestellt, um meinen wichtigsten Punkt hier deutlich zu machen: Zentral für das Modell ist der Konflikt.
    Dabei lernen wir im ersten Akt den Protagonisten kennen, der eine bestimmte Motivation, ein Ziel und eine Weltsicht hat, die im Laufe der Geschichte mit den Antagonisten konfrontiert wird (Antagonist ist hier sehr allgemein gehalten, das kann eine Person sein, muss aber nicht).

    So weit, so bekannt.
    Was ich bislang nicht wusste (oder mir zumindest nicht richtig bewusst gemacht habe): Das ist eine komplett westlich geprägte Art, Geschichten zu erzählen!

    Kishōtenketsu

    In der chinesischen, koreanischen und japanischen Tradition gibt es nämlich noch eine andere Struktur: Kishōtenketsu, auch Plot ohne Konflikt genannt.
    Kishōtenketsu wird dabei in der Literatur und Rhetorik verwendet (auch sehr spannend, wie unterschiedlich westliche und japanische Argumentationsstrukturen aufgebaut sind!), hat die Wurzeln aber (soweit ich das im Internet finden konnte) in 4-zeiligen chinesischen Gedichten, den Qijue.

    Die Struktur sieht so aus (ich verwende wegen des Titels im Folgenden die japanischen Bezeichnungen):

    1. kiku (ki): Einleitung als Darstellung des Themas
    2. shōku (sho): die Entwicklung zur Weiterführung des Themas
    3. tenku (ten): die Wende als überraschendes Element, das nur indirekt einen Bezug oder eine Verbindung mit dem Thema hat
    4. kekku (ketsu): der Schluss der alle Elemente zusammenführt und eine Schlussfolgerung zieht

    (Übernommen von https://de.wikipedia.org/wiki/Kishōtenketsu)

    Wenn man die 3-Akt-Struktur auf 4 Akte aufteilt, sind die beiden also ähnlich, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass Kishōtenketsu nicht inhärent auf einem Konflikt beruht, was sich hauptsächlich in zwei Dingen äußert:

    1. Mittelpunkt: Während im 3-Akt-Schema hier eine Wendung, ein Plottwist o.Ä. in der Richtung eintritt, in die sich die Geschichte/der Konflikt entwickelt, wird hier im Kishōtenketsu ein völlig neues Element eingeführt, das mit dem vorangegangen Thema erstmal augenscheinlich nichts zu tun hat (non sequitur).
    2. Ende: Während im 3-Akt-Schema hier die Auflösung des Konflikt stattfindet, es also eine (ggf. Misch)Form von Sieg und Niederlage gibt, werden im Kishōtenketsu hier die beiden Themen zu einer Schlussfolgerung zusammengeführt (klingt viel weniger aggressiv als die westliche Variante, finde ich :smile:).

    Beispiele

    Ein berühmtes Beispiel ist dieses Volkslied (俗謡, zokuyō) des japanischen Dichters und Historikers Rai San’yō:

    Akt Kanji Transkription Übersetzung
    ki 大阪本町糸屋の娘 Ōsaka Honmachi itoya no musume In Honmachi in Ōsaka leben die Töchter eines Garnhändlers,
    sho 姉は十六妹は十五 ane wa jūroku, imōto wa jūgo. die Ältere ist 16, die Jüngere 15.
    ten 諸国大名は弓矢で殺す Shokoku daimyō wa yumiya de korosu. Die Fürsten der Länder töten mit Pfeil und Bogen.
    ketsu 糸屋の娘は目で殺す Itoya no musume wa me de korosu. Die Töchter des Garnhändlers töten mit den Augen.

    (Ebenfalls schamlos geklaut von: https://de.wikipedia.org/wiki/Kishōtenketsu)

    Hier sieht man sehr anschaulich, dass im 3. Akt (ten) ein ganz neues Konzept eingeführt wird, das erst im 4. Akt (ketsu) mit dem ursprünglich eingeführten Thema vereinigt wird.

    Ein besonders tolles Beispiel, um den Unterschied von der 3-Akt-Struktur und Kishōtenketsu zu zeigen, ist der Yonkoma manga (4-Feld-Manga), in dem traditionell jedes Feld eine Phase des Kishōtenketsu repräsentiert:

    Yonkoma: Soda-Pop (traditionelle Kishōtenketsu-Struktur)

    Ein 4-Feld-Manga mit der 3-Akt-Struktur, d.h. eingebautem Konflikt könnte dagegen so aussehen:

    Yonkoma: Soda-Pop (3-Akt-Struktur)

    (Beide Abbildungen übernommen von https://stilleatingoranges.tumblr.com/post/25153960313/the-significance-of-plot-without-conflict , einem tumblr-Blog des Still Eating Oranges Kollektivs.)

    Diskussion

    Was haltet ihr von Kishōtenketsu?
    Habt ihr Lust, es einmal auszuprobieren für eure Plots?
    Wie wichtig ist ein zentraler Konflikt für eure Plots?

    Disclaimer

    Obwohl ich alles aus dem Internet abgeschrieben habe, garantiere ich nicht für Fehler oder Ungenauigkeiten, die durch meine ungenügenden Zusammenfassungs-, Wiedergabe- und Formulierungs-Skills entstanden sind. Oder durch Recherche auf den falschen Seiten – ist alles nur nach bestem Wissen und Gewissen. ;)

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  • Lou

    Hallo ihr Lieben,

    mir wurde dieses Forum als etwas ganz Besonderes empfohlen, mit den nettesten Mitgliedern der Schreibforen-Welt [sic!] – da werde ich mich doch gleich unauffällig untermischen … :blush: :squirrel:
    Ich schreibe zwar schon länger, habe es aber erst dank des wunderbaren NaNo-Gruppenzwangs geschafft, etwas fertig zu schreiben, das länger ist als eine Kurzgeschichte. Das wird jetzt kräftig überarbeitet. Zurzeit bin ich an dem Punkt, wo ich die ersten Handlungsverläufe komplett umschreiben muss und mich frage, was für eine Kreatur ich da eigentlich auf meinem Frankenstein-Tisch zusammenoperiere.
    Genretechnisch ist bei mir alles dabei: Realismus, magischer Realismus, Horror, Fantasy, Sci-Fi … you name it.
    Mein aktuelles Projekt ist P12 Mystery und eher ein Spaß- und Übungsprojekt, um herauszufinden, wie um alles in der Welt man es schafft, ein ganzes Romanmonster zum Leben zu erwecken.
    Ich freue mich auf den Austausch mit euch! :sunflower:

    Liebe Grüße,
    Lou

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  • Lou

    Aaaaaaaah, ich bin dabei!!! :scream::scream:
    Ich bin unter den fünf Preisträgerinnen der Grenzgängerin-Ausschreibung von der Stadtbibliothek Herford, den @Talismea hier verlinkt hat!! :scream:
    https://schreibnacht.de/topic/18555/2-herforder-schreibwettbewerb-für-frauen-und-mädchen-ab-16-jahren-30-04-21

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  • Lou

    Ich hab hier noch nichts dazu gefunden, deswegen dachte ich, mache ich mal darauf aufmerksam, dass es eine tolle Alternative zu goodreads gibt (das ja zu amazon gehört :grimacing:) nämlich The Storygraph: https://app.thestorygraph.com/

    Es ist kostenlos und funktioniert eigentlich ganz genauso wie goodreads, nur finde ich bei TheStorygraph die Empfehlungen und die Kategorien für Bücher wesentlich besser! Es gibt z.B. Tags für die verschiedenen Bücher wie “slow paced” oder “fast paced” und Moods wie “adventurous”, “emotional”, “reflective”, etc., sodass man im Vorhinein ein viel besseres Bild von den Büchern bekommt und seine eigenen Vorlieben besser einschätzen kann (und bessere Empfehlungen erhält ;)).
    Außerdem gibt es Inhaltswarnungen, sodass man schon vorher weiß, worauf man sich einlässt.
    Und endlich kann man auch halbe und Viertelsterne beim Rating geben! :smile:

    Für jedes Jahr bekommt man außerdem eine schicke, individuelle Grafik erstellt mit seinem Leseverhalten (Genre, Länge, Moods, etc.), was zwar irgendwie unnötig, aber trotzdem ein witziges Gimmick ist. :smile:
    Grafiken

    Und für alle, die schon bei goodreads sind: Ihr könnte eure komplette goodreads-Bibliothek mit allen gelesenen Büchern, Ratings und der To-Read-Liste total einfach und schnell importieren. Habe ich auch gemacht, hat völlig problemlos geklappt :blush:

    TheStorygraph wurde von zwei Entwickler*innen ursprünglich als persönliche App zum Büchertracken erstellt, hat also (soweit ich weiß) nichts mit Online-Monopol-Verkaufshäusern zu tun.

    Nur als Info, vielleicht interessiert es ja den*die ein oder andere*n hier! :blush:

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  • Lou

    Na dann, herzlichen Glückwunsch! :blush::tada:
    Heb dir das gut auf, das ist wie ein kleiner Schatz! In zehn/zwanzig Jahren kannst du das durch Zufall wiederfinden und dann richtig staunen und dich freuen, wenn du siehst, wo und wie du einmal angefangen hast und wie viel Freude schon in diesen ersten Geschichten steckt ;)

    Deine Frage kann ich, in Ermangelung eines fertig gestellten Buchs, leider nicht beantworten^^

    posted in Plauderecke read more
  • Lou

    Wie schön, dass ihr das macht! :purple_heart: Und vielen Dank auch an das ganze Team! Immer, wenn ich das Forum öffne, sprüht mir gleich so eine Welle aus kreativem Enthusiasmus, Motivation und gegenseitiger Unterstützung entgegen, darum kümmert ihr euch ganz, ganz toll! :sunflower: :tulip:

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