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Weihnachtsretter

Für Teilnehmer am Monatsabenteuer im Dezember 2019

  • Talismea

    :candle: 2. Dezember - Nachbarschaftshilfe - @Talismea :candle:
    Prompt: Dein Charakter hat nicht das nötige Kleingeld, um an Weihnachten nach Hause zur Familie zu reisen. Also lädt er den grantigen, einsamen Nachbarn von gegenüber ein.


    „Ich weiß, es ist ein echt schlechter Zeitpunkt. Aber wir können dir dein Gehalt erst im Januar geben.“ Was? Nein!
    Noch bevor ich die Tragweite dessen begreifen kann, fährt Miss O’Malley fort: „Und leider können wir es uns jetzt auch nicht mehr leisten, dich zusätzlich zu beschäftigen. Die Stromrechnung ist so in die Höhe gegangen… Tut mir Leid, Nelly.“
    Mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns schließt sie die Tür der Backstube hinter sich. Und ich stehe im knöcheltiefen Schnee und versuche, zu verstehen, was da gerade geschehen ist.
    Ich habe noch 35 Pfund in meiner Börse und keinen Job mehr. Auf dem Nachhauseweg kämpfe ich mit den Tränen und versuche, die ganze Tragweite zu begreifen. Das heißt wohl, ich werde über die Feiertage nicht zu meinen Eltern an die Küste fahren können? Allein dieser Gedanke schnürt mir die Kehle zu.

    „Kannste jetzt nichtmal mehr Grüßen?“ Mein Nachbar, Mister Clarksen, nimmt offenbar keine Notiz von meinem Gemütszustand. Ich muss tränenblind an ihm vorbeigelaufen sein, statt wie sonst zumindest zu grüßen. Immer wieder versuche ich ihm zu zeigen, was Höflichkeit unter Nachbarn bedeutet. Und offenbar hat er Notiz von mir genommen.
    „Guten Tag“, murmele ich pflichtschuldig und wische mir über die Augen. Als ich mich an einem winzigen Lächeln versuche, runzelt er die Stirn.
    „Du siehst ja total verfroren aus. Komm mal mit.“
    Obwohl ich mich am liebsten in meiner Wohnung verkriechen will, füge ich mich in mein Schicksal und trotte ihm hinterher. Hatten mir meine Eltern nicht Respekt vor dem Alter beigebracht? Und ist nicht genau jetzt, wo ich sie über Weihnachten nicht werde sehen können, ein Leben in ihrem Sinne das Beste, was ich machen kann?
    Mister Clarksen schließt die windschiefe Tür zu seiner Parterrewohnung auf und winkt mich herein. Unschlüssig trete ich in den Flur und sehe zu, wie er seine Jacke aufhängte. Einerseits freue ich mich über die Wärme, andererseits – was, wenn Mister Clarksen ein Serienmörder ist?
    „Willste nich reinkommen?“ Nein, ich will wirklich nicht noch weiter in eine Wohnung, in der ich Muff und Traurigkeit erwarte.
    „Na macht nichts, dann warte halt da.“
    Der Tonfall ist alles andere als freundlich, doch irgendwie scheint er meinen Wunsch zu respektieren. Worauf soll ich warten? Eine Milchglasscheibe trennt sein Wohnzimmer vom Flur und ich lasse den Blick schweifen. Ein Paar Gummistiefel und ein Paar Hausschuhe stehen unter dem schneenassen Mantel. Warum er letztere wohl nicht direkt angezogen hat?

    Die innere Anspannung löst sich erst dann langsam, als die Tür sich wieder öffnet und Geruch von heißem Kakao an meine Nase dringt. Schon wieder treten mir die Tränen in die Augen und ich kann nun nicht mehr verhindern, dass sie fließen.
    „Na na, Mädchen“, brummelt mein Nachbar. „Was immer es ist, wird doch wohl kein Weltuntergang sein!“
    Er hat ja keine Ahnung! Schniefend greife ich nach der dampfenden Tasse und lasse mich nun doch darauf ein, seine Wohnung zu betreten. Ein durchgesessenes kleines Sofa und ein total verschlissener Sessel runden mit einem winzigen Tisch und einem Ofen sein Wohnzimmer ab. Es gibt keinen Fernseher, nur ein kleines Radio, das ausgeschaltet in der Ecke steht.
    „Danke“, murmele ich, nun doch dankbar nicht allein zu sein.
    „Da kannste dich hinsetzen.“ Er deutet mit zittrigem Finger auf den Sessel und einen Moment später sitze ich. Als Mister Clarksen sich niedergelassen hat, wirkt er gleich viel entspannter, als ich ihn je erlebt habe. Ich nippe an meinem Kakao und atme durch.
    „Nu erzähl mal“, durchbricht er die sich ausbreitende Stille.
    Und wie vorhin die Dämme meiner Augen brachen, sprudelt nun alles aus mir heraus.

    Nachdenklich nickt er, als ich meine Erzählung beendet habe und mir wieder die Augen wische.
    „Was hältst du davon, wenn du mir ab und zu gegen Bezahlung im Vorgarten hilfst? Ist zwar erst ab Februar, aber …“ Sein Gesichtsausdruck wirkt wie ein stummes Flehen, das komplette Gegenteil seiner sonstigen Schroffheit. Ich ertappe mich bei einem Lächeln. Beginne ich ihn etwa zu mögen?
    „Gern, Mister Clarksen. Und wenn sonst was ist – ich wohne ja direkt gegenüber. Sie können gerne Bescheid sagen.“
    „Du aber auch.“
    Steif erhebt er sich. Offenbar will er mich nun endlich in meine Wohnung entlassen, und ich sehne mich danach, meine Eltern anzurufen und eine Lösung zu finden.

    Zwei Wochen später ist klar, dass es keine Lösung gibt. Die Inflation hat nicht nur die Backstube, sondern auch meine Familie hart getroffen.
    „Wir telefonieren! Und wir sehen uns im neuen Jahr, Nelly!“ Als ob das ein Ersatz sein könnte!
    Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich dem Kummer erlaube, sich vor die festlichen Lichter der Adventszeit zu schieben. Und immer wieder schaue ich zu Mister Clarksens Wohnung. Entgegen der zaghaften Annäherung hat er sich bisher weder gemeldet, noch habe ich ihn sein Haus verlassen sehen.

    An Weihnachten reicht es mir. Er hat nicht einmal eine Kerze im Fenster!
    Ich schnappe mir meinen Kerzenleuchter vom Regal. Halb heruntergebrannt ist besser als gar nichts! Entschlossen schlüpfe ich in meine warmen Sachen, greife auch noch die Weihnachtsgeschichte von Dickens und verlasse meine ohnehin einsame Wohnung.
    Draußen begrüßt mich beißende Kälte, aber ich lasse mich nicht entmutigen. Ich werde nicht allein sein! Oder?
    Ich klingele und nichts tut sich. Erst, als ich an die Fensterscheibe klopfe, sehe ich, wie sich Herr Clarksen mit seinem mürrischsten Gesichtsausdruck erhebt. Als er mich sieht, wandeln sich seine Gesichtszüge. Überraschung, Unglaube und dann stille Freude.
    Wir werden beide nicht an Weihnachten allein sein.
    „Ich habe Licht mitgebracht“, begrüße ich ihn.
    Er lächelt und seine Augen wirken feucht, als er mit seiner warmen Hand nach meiner greift: „Ja, das hast du, Nelly. Das hast du.“

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