• Betty Blue

    [Aufgabe 3 - Ich-Erzähler]
    (Entschuldigt die Länge. Da ist wohl etwas mit mir durchgegangen…)

    Verdammte Dunkelheit. Wo war Rustem? Längst weg, und ich stolperte ihm hinterher.
    Na, stolpern war vielleicht nicht richtig. Ich wusste, dass ich keinen Lärm machte, aber es fühlte sich trotzdem so an. Durch die Bäume erahnte ich den Schein von Maroviks Fackel, und hastig zerrte ich meinen Bogen vom Rücken. Rustem wollte vielleicht kein Blutvergießen, aber ich würde bestimmt nicht zulassen, dass er sich dafür von Marovik abstechen ließ! Die heldenhafte Rettung des eigenen Anführers war auf jeden Fall etwas für die Lieder. Ich sah mich schon in letzter Sekunde einen Pfeil durch Maroviks Kehle jagen, als ich auf eine Wurzel trat und beinahe das Gleichgewicht verlor.
    Rustem war mit einem Schritt an meiner Seite, packte meinen Arm und zerrte mich wieder hoch. Mittlerweile waren wir nah genug an Marovik und seiner dämlichen Fackel, dass ich sah, wie Rustem die Augen verdrehte und mir mit einer Kopfbewegung befahl, weiterzulaufen.
    So viel zu meinen Heldentaten.
    Und dann trennten uns nur noch wenige Schritte von Marovik. Der Fürst war tatsächlich gestolpert, die Fackel schwelte vor ihm im Schlamm und er selber hatte sich offenbar in seinem Umhang verfangen und kam nicht mehr auf die Beine. Die Angst in seinem geierartigen Gesicht brachte mich zum Grinsen. Er fürchtete sich, und er tat gut daran. Ich blieb stehen und spannte meinen Bogen. Über die Spitze meines Pfeils visierte ich seine Kehle an. Der sollte es bloß wagen, sich zu wehren! Es juckte mir in den Fingern, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
    Doch Rustem trat einfach nur aus dem Schatten, der ihn vor Marovik verborgen hatte. Er sah nicht mal besonders furchteinflößend aus, aber das musste er auch nicht. Er zog einfach sein Schwert aus der Scheide und setzte dem vor Schreck erstarrten Marovik die Spitze auf die Brust. „Bitte halt still, während Brock dich fesselt“, sagte er und klang dabei fast gelangweilt. „Ich habe wirklich keine Lust, dich den ganzen Weg zurück tragen zu müssen. Von deiner Leiche ganz zu schweigen.“
    Ha. Darüber sollte mal einer ein Lied schreiben! Über die mühelose Lässigkeit, mit der Rustem seine Gegner erledigte… Ich hätte am liebsten applaudiert, aber meine Aufgabe war es, den Fürsten zu entwaffnen und seine Hände zu fesseln. Wäre es zu viel gewesen, Rustem zuzunicken und „Gute Arbeit“ zu sagen? Wahrscheinlich. Er würde mich nur für unnötig gefühlsduselig halten. Trotzdem grinste ich übers ganze Gesicht, als ich Marovik auf die Beine zog.
    Er stand unsicher, hatte sich wohl wirklich einen Fuß verdreht. Als ich ihn losließ, verlor er das Gleichgewicht und musste einen Ausfallschritt zur Seite machen. Dabei trat er auf die Fackel, rutschte aus und landete der Länge nach im Schlamm. Die Fackel erlosch zischend. Plötzlich war der Wald wieder pechschwarz.
    Rustem seufzte schwer, wie ein Mann, der eine große Bürde trägt. „Keine Sorge, Marovik“, sagte er ruhig. Den Geräuschen nach zu urteilen, schob er sein Schwert in die Scheide und trat dem Gefangenen dabei beiläufig gegen die Wade. „Wir haben eine eigene Fackel, du musst also nicht den ganzen Weg im Dunkeln laufen. Steh auf.“
    Ja. Die Fackel… Es lief mir kalt über den Rücken, als ich das Wort hörte. Wo war die Fackel? Ich hatte sie die ganze Zeit in den Händen getragen, bis ich zu meinem Bogen gegriffen hatte. Und dann…? Hatte ich sie fallen gelassen? „Äh, Rustem“, begann ich zaghaft. „Was die Fackel angeht…“
    Wieder das schwere Seufzen. In der Dunkelheit konnte ich sein Gesicht nicht sehen und war dankbar dafür. „Tja. Dann gehen wir wohl doch im Dunkeln. Kommt.“
    Das war’s dann wohl mit dem Lob für meine Wenigkeit.

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  • Betty Blue

    [Aufgabe 2 - personaler Erzähler]

    Rustem schlich durchs Unterholz, als hätte er nie etwas anderes getan. Er zögerte nie, hielt nie inne, um zu lauschen. Wie machte er das? Es war Brock ein Rätsel. Er selbst konnte Marovik nur hören, wenn er stehen blieb und sich konzentrierte. Wahrscheinlich käme Rustem doppelt so schnell voran, wenn er Brock unter irgendeinen Baum setzte und ihn auf dem Rückweg wieder abholte.
    Wie ein Kind. Genau so fühlte Brock sich – wie ein kleiner Junge, der seinen Vater zum ersten Mal auf die Jagd begleiten darf und dabei versehentlich die Rehe aufscheucht. Nur dass Rustem nicht sein Vater war und Brock kein Junge mehr. Er war ein Krieger, ein ausgezeichneter Bogenschütze, und er sollte Marovik mit lodernden Fackeln und jaulenden Hunden verfolgen! Er hatte es Dagnir vorgeschlagen, regelrecht darum gebettelt, doch der König hatte abgewinkt und es Rustem überlassen, die Verfolgung aufzunehmen.
    Und deswegen schlichen sie jetzt zu zweit durch die Nacht. Weil Rustem mal wieder unnötiges Blutvergießen vermeiden wollte und keinem seiner neuen Männer über den Weg traute.
    Zugegeben, ein paar der Kerle waren von der Sorte, die Gnade für eine exotische Blume hielten…
    Rustem blieb so plötzlich stehen, dass Brock in ihn hineinlief. Ein anderer Anführer hätte ihn getadelt, ihm vielleicht eine Kopfnuss verpasst. Rustem ging nicht mal darauf ein. „Er hat angehalten“, flüsterte er, seine Stimme nur ein Hauch in der kühlen Luft.
    Wahrscheinlich war er endlich hingefallen. Brock unterdrückte einen Seufzer. Was war das denn für eine Jagd, bitteschön? Marovik an sich war eine kapitale Beute, ein großer Fürst des Nordens. Ihn auf diese Weise zu verfolgen, ihn praktisch nur aus dem Schlamm zu ziehen… Das war fast peinlich. Jedenfalls nichts, womit man irgendwen beeindrucken konnte.
    „Komm“, zischte Rustem. „Schnell jetzt.“ Und mit diesen Worten lief er los, verschwand in der Dunkelheit, ohne ein Geräusch zu machen.
    Brock gab sich einen Ruck und folgte ihm. Half ja nichts. Sie mussten Marovik fangen, und wenn er das schaffte, ohne Rustem aus den Augen zu verlieren, hatte am Ende vielleicht wenigstens der ein lobendes Wort für ihn übrig.

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  • Betty Blue

    [Aufgabe 1 - auktorialer Erzähler]

    Eine wilde Verfolgungsjagd durch den Wald stellt man sich gemeinhin als laute Angelegenheit vor. Schreiende Männer, bellende Hunde, das Dröhnen der Hörner, in welche die Verfolger blasen, um ihre Positionen zu verkünden. Dazu knackende Äste und donnernde Pferdehufe auf feuchtem Boden. Daraus können die Barden etwas machen, ein großes Epos, ein mitreißendes Lied über das Schicksal eines Helden, der ganz alleine einer Hundertschaft an Verfolgern entkam.

    Die Barden wären sicherlich enttäusch gewesen, hätten sie dieser Jagd zusehen können. Alles war still, die nächtliche Ruhe wurde nur von den Geräuschen der Tiere unterbrochen und dem gelegentlichen Pladdern, wenn letzte Wassertropfen vom Regen des Tages aus einem Baum fielen. Die beiden Männer bewegten sich völlig lautlos, dunkle Schatten in der kalten Nacht. Sie setzten ihre Schritte mit Bedacht, nicht ein Ast knackte unter ihren geübten Füßen. Der Jüngere von ihnen, Brock, trug eine Fackel, doch er hatte sie nicht angezündet. Rustem konnte im Dunkeln sehen wie eine Katze, und er vergaß oft, dass Brock nicht über diese Fähigkeit verfügte. Doch solange dieser sich dicht an seinem Anführer hielt, lief er keine Gefahr, zu stolpern und Lärm zu machen. Sie kamen zügig voran, in Gedanken nur bei der Aufgabe, die vor ihnen lag.
    Ihre Beute hetzte mehrere hundert Meter vor ihnen durch das Unterholz. Marovik verschwendete keine Zeit mit dem Versuch, leise zu sein. Die Angst trieb ihn vorwärts, und der Lärm, den er dabei verursachte, war für Rustem so eine deutliche Spur wie das Licht der Fackel, an der Marovik sich festkrallte.
    Ein passionierter Jäger hätte vielleicht bemängelt, dass es so gar keinen Spaß machte. Wie sollte man denn Vergnügen an einer Verfolgung finden, wenn man seinem Opfer so deutlich überlegen war? Eigentlich mussten Rustem und Brock nur warten, bis Marovik in ein Kaninchenloch trat und sich den Knöchel brach, und den Fürsten dann zu Dagnir zurückschleifen. Auf diese Weise winkten weder Ruhm noch Ehre. Aber Rustem war so geduldig, dass er Gras beim Wachsen zusehen konnte, und wenn er um einen Kampf herumkam, wollte er sich nicht beklagen.

    Natürlich ist am Ende doch ein Lied über Maroviks Ergreifung geschrieben worden. Rustem verdreht nur die Augen, wenn er es hört, doch Brock dürfte ziemlich zufrieden damit sein. Schließlich haben die Barden eine ganze Meute an Jagdhunden und einen spektakulären Schlagabtausch mit Marovik hinzugefügt. Sonst klingt es ja nach nichts.

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  • Betty Blue

    So, etwas verspätet, aber diesen Workshop wollte ich dann doch unbedingt nacharbeiten. Gerade habe ich die Aufgabe zum auktorialen Erzähler bearbeitet - das war ein ganz seltsames Gefühl, irgendwie. Ich tendiere dazu, einem auktorialen Erzählen einen leicht bissigen oder sarkastischen Unterton zu geben, der in dieser Szene so gar nicht gepasst hätte…

    Edit: Aufgabe 2 ist auch geschrieben. Das fiel mir schon leichter, schließlich ist es die Perspektive, in der ich selber meistens schreibe… Aber Brocks Perspektive, die ich noch nie genutzt habe (doch, ein einziges Mal, und das ist Wochen her) in diesen wenigen Zeilen für mich zu erschließen, war schwierig.

    Edit 2: Das mit dem Ich-Erzähler ging ziemlich gut. Nachdem ich mich einmal an Brocks Perspektive gewöhnt hatte, hatte ich so viel Spaß und es flutschte so gut von der Hand, dass die Szene viel länger geworden ist, als ich geplant hatte… Ich hoffe, das ist nicht schlimm.

    Alles in Allem bevorzuge ich trotzdem den personalen Erzähler. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch an den anderen beiden Perspektiven so viel Spaß habe, wie ich gar nicht erwartet hätte. Ich war so auf den personalen Erzähler fixiert… Dank dieses Workshops habe ich jetzt mal wieder etwas anderes geschrieben und festgestellt, dass ich wirklich ein ganz anderes Eregebnis erhalte - und das finde ich super!

    @Talismea Deine Ria finde ich ja mal supercool. Durch die Informationen, die man als Leser vom Erzähler erhält - die Ria aber noch nicht kennt - hat man gleich ein ganz anderes Bild von ihr und wird sicherlich auch nachfolgende Handlungen ihrerseits ganz anders beurteilen.
    Im personalen Erzähler wirkt die ganze Geschichte schon näher an ihr und ihren Gefühlen. Es war interessant, das mal ganz bewusst zu lesen, schließlich sind viele Romane in diesem Erzählstil geschrieben.
    Der Ich-Erzähler bringt uns dann ganz nah an Ria heran. Besonders mit dem Hintergrundwissen aus Aufgabe 1 war es ganz faszinierend zu lesen, wie sie über ihre Jagdfähigkeiten denkt; ich glaube, wenn man diese Infos nicht hätte, käme sie in dieser Szene mehr wie eine übliche Fantasy-Figur rüber als wie etwas Ungewöhnlicheres.

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  • Betty Blue

    Ich gucke mal, ob ich heute Abend noch wach genug bin. Da ich in der Regel pünktlich um Fünf müde werde, wird das vielleicht eine kleine Herausforderung… Aber man lässt sich ja nicht unterkriegen!

    Verfasst in Schreibabend weiterlesen
  • Betty Blue

    Ich liebe immer das große Projekt am Meisten, an dem ich gerade arbeite; aber über die letzten zwei, drei Jahre hat sich doch eine Präferenz zu meiner Trilogie herausgestellt. Klar, darin investiere ich am meisten Zeit und Herzblut. Ich kenne alle Charaktere in- und auswendig und liebe sie doch mehr als die aus anderen größeren Projekten. Alles fühlt sich so vertraut und kuschelig-liebevoll an :heart_eyes:

    Verfasst in Schreibnacht Montagsfrage weiterlesen
  • Betty Blue

    Herzlich willkommen!
    Hast du ein Genre, in dem du bevorzugt schreibst, oder legst du dich da nicht fest?
    Ich wünsche dir viel Spaß in der Schreibnacht!

    Verfasst in Öffentliches Forum weiterlesen
  • Betty Blue

    Moin!
    Was für ein ekliges Wetter… Ich war schon einkaufen und habe dadurch gleich unfreiwillig geduscht… Aber ich bin sehr froh, dass ich mich gestern aufgerafft habe, spazieren zu gehen, statt es auf heute zu verschieben :joy:

    Schreibtechnisch hab ich heute auch ein bisschen was vor; mal gucken, ob ich alles davon geschafft kriege. Auf jeden Fall will ich den Workshop nacharbeiten und einen Blogartikel schreiben. Ein bisschen was jetzt sofort und ein bisschen was heute Abend, falls ich nicht mal wieder um Punkt 17 Uhr vor der Glotze einschlafe. Diese Zoosendungen wirken besser als jedes Schlafmittel… xD

    @CaroK Oh je, die arme Ulla… Hoffentlich geht es ihr mittlerweile besser und sie kann sich wieder entspannen!

    Verfasst in Schreibmotivation weiterlesen
  • Mausi

    Guten Morgen,

    Ich trinke gerade meine Kaffee und überarbeite das letzte Kapitel meiner FF. Ich denke mal, dass ich zum Weiterschreiben erst heute Abend nach der Arbeit kommen werde.

    Verfasst in Schreibmotivation weiterlesen

Es scheint als hättest du die Verbindung zu Schreibnacht verloren, bitte warte während wir versuchen sie wieder aufzubauen.